AuslandspraktikumKapstadt/Südafrika - biz BildungszentrumAuslandspraktikumKapstadt/Südafrika - biz Bildungszentrum

Auslandspraktikum
Kapstadt/Südafrika

Meinen Geburtstag krönend, flog ich am 28. August 2018 von Berlin über Doha 17 Stunden lang nach Kapstadt in Südafrika, um dort ein mehrwöchiges Auslandspraktikum zu absolvieren. Südafrika liegt auf dem gleichen Längengrad wie Deutschland, so dass es glücklicherweise keine Zeitumstellung gab. Da es auf der Südhalbkugel liegt, musste ich mich jedoch – aus der Berliner Hitze kommend – erst einmal an den etwas kälteren und unangenehmeren Winter gewöhnen. Ich wohnte für die ersten vier Wochen bei einer sehr zuvorkommenden südafrikanischen Gastfamilie.

Das Leben dort war herzlich, zudem authentisch und geprägt von Kontakten zu „Locals“, die sich durch diese neue Beziehung ergaben. Das Leben in einem Vorort – in einem „Capeflat“ – war überaus lehrreich, so musste ich ständig auf um meine Sicherheit achten und konnte zum Beispiel nicht allein zu Fuß durch die Nachbarschaft gehen: Die Kriminalitätsrate dort ist steigend, das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Kapstädter sinkt. Auch das Leben mit dem Luxusgut Wasser, dessen Verbrauch durch staatliche Restriktionen (50 Liter pro Kopf und Tag) stark reglementiert wird, bedeutet für jeden Deutschen eine Umstellung.

Gearbeitet habe ich in einer Dayclinic in Grassy Park, einem anderen „Capeflat“ Kapstadts. Sie öffnete täglich zwischen 7 und 16 Uhr und wurde vom Staat für Südafrikaner ohne Sozialversicherung errichtet, um auch ihnen eine medizinische Grundversorgung zu ermöglichen. Es gab verschiedene Bereiche in der Klinik, in jedem durfte ich hospitieren.


Arbeit im Triage Raum
Für die ersten vier Tage arbeitete ich in einem Raum zur Triagierung von Patienten ohne Termin, die sich zur ärztlichen Sprechstunde vorstellten. Die meisten Patienten und auch meine Kollegen sprachen untereinander Africaans, es ist die andere amtliche Hauptsprache neben Englisch in Südafrika. Mir fiel in den ersten Tagen direkt viel Trauer, Wut und Hilflosigkeit auf. In Südafrika gibt es keine Hausärzte, daher ist diese Tagesklinik für die Patienten immer der erste Anlaufpunkt. Deshalb war dieses System mit extrem langen Wartezeiten verbunden: Manche warteten den ganzen Tag und wurden dann doch am Abend nach Hause geschickt. Aufgrund des hohen Patientenaufkommen und der geringen Kapazität der Klinik wurden viele Patienten, teils mit fortgeschrittener Symptomatik, mit Arztterminen Wochen später vertröstet. Wer jedoch Geld hat, und sich eine Versicherung und damit die Behandlung leisten kann, geht in Kapstadt direkt in die besser ausgestatteten und meist gut versorgenden privaten Krankenhäuser.

Arbeit im „Emergency Room“
Die nächsten zwei Wochen sollte ich in der Ersten Hilfe der Klinik arbeiten, was für mich zu einer ganz besonderen Erfahrung wurde. Alltägliche Arbeitsbeschäftigungen waren die Behandlungen von chronischen Krankheiten und „Volkskrankheiten“ wie COPD, Diabetes oder Hypertonie. Gravierende Versorgungs- und Gesundheitsprobleme stellten die hohen Zahlen an Menschen dar, die an HIV oder TBC erkrankt sind. Der „Emergency Room“ war eng und klein; viele Patienten wurden hier zur gleichen Zeit behandelt. Bei mehr als einem liegendem Patienten, zum Beispiel mit Herzinfarkt oder Apoplex, musste schon auf dem Flur behandelt werden. Medizinische Diagnostik war rudimentär, Blutabnahmen benötigten zwei Wochen, bis diese endlich als Ergebnis im System standen. So war auch die Notfallmedizin überaus eingeschränkt und wurde durch langes Warten auf die Notfallambulanz, die die Patienten in die „Privat Hospitals“ fahren sollten, strapaziert.

Gerade die Ausbreitung der Infektionskrankheiten HIV und TBC schockierten mich sehr. Auch die schlechte Hygiene, für die sich auf der einen Seite wenig Zeit genommen wurde und der Staat als Betreiber des Krankenhauses auch kaum finanzielle Mittel zur Verfügung aufwendete, machte den Job für die Ärzte und Pfleger dort sehr gefährlich. Die Mitarbeiter erhalten nur geringe Löhne und haben wenige Urlaubstage.Umso inspirierender empfand ich die Arbeitseinstellung meiner Kollegen dort: Zwar wurden viele und ungewöhnlich lange Pausen gemacht, jedoch war der Stellenwert der Arbeit für die Personen und Familien insgesamt hoch. Trotz allem wurde miteinander außergewöhnlich viel gelacht. Ich fuhr sehr gern zur Arbeit und hatte viel Freude im Umgang mit den Patienten und Angestellten.

Arbeit in der „Babyclinic“
Die Pflege ist in Südafrika ein Studium und so arbeitete ich mehrere Tage gemeinsam mit anderen „Nurse students“ in der Kindersprechstunde. Hier behandelte nur selten ein Arzt – es war eine professionell weitergebildete Pflegerin, mit der ich zusammenarbeitete, die eigenständig Rezepte und Medikamente verschrieb und verabreichte wie auch Therapiepläne erstellte. Apropos „Nurse Students“: Jeder Schüler kam in der Regel eine Stunde zu spät zum Dienstbeginn – und ist selbstverständlich früher gegangen. Ursache war – neben einer etwas lässigeren Arbeitseinstellung – der schlechte Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, sodass jeder „Nurse student“ mit einem eigens initiierten Sammelbus zur Klinik gebracht wurde, der jedoch jeden Tag stundenlang im dichten Verkehr unterwegs war. Ich sah schnell alle Vorurteile über die pünktlichen Deutschen bestätigt.

„Pharmacy“
Die letzten Tage beschloss ich, in der Apotheke der Tagesklinik zu hospitieren. Hier arbeiteten die lautesten, lustigsten und beweglichsten Mitarbeiter der Klinik: Ständig wurde gesungen und getanzt, die viele Arbeit hinter lauter Musik versteckt. Jede Lunchpause gab es einen traditionellen „Braai“, was dem englischen Barbecue ähnelt. Ich wurde auch hier sehr herzlich empfangen und konnte unter anderem bei der Inventur helfen.

Alles in Allem bin ich überaus glücklich über meine neuen Eindrücke, vor allem das Kennenlernen einer ausnahmslos freundlichen und aufmerksamen Klinikbelegschaft, die mir meine Abreise nach insgesamt sechs Wochen in Kapstadt schwer machten. Ich danke der DRK-Schwesternschaft Berlin sowie Frau Köhler und Frau Fiehöfer vom biz Bildungszentrum sehr, dass ich diese einzigartige Erfahrung in meiner Ausbildungszeit nutzen durfte. Mit frischem Wind und neuen Energien geht es jetzt im dritten und letzten Ausbildungsjahr weiter.

Nora Kahle