AuslandspraktikumJakarta/Indonesien - biz BildungszentrumAuslandspraktikumJakarta/Indonesien - biz Bildungszentrum

Auslandspraktikum
Jakarta/Indonesien

Das im Rahmen meiner Ausbildung zur Kinderkrankenpflegerin mögliche Auslandspraktikum habe ich beschlossen in Jakarta, Indonesien, zu verbringen. Vier Wochen sollte ich statt in Berlin nun in der Hauptstadt von Indonesien – und immerhin Heimat von 30 Millionen Einwohnern und zweitgrößter Ballungsraum weltweit – arbeiten: Im Rumah Sakit Cipto Mangunkusumo (RSCM), ein öffentliches Krankenhaus – das größte im Land mit diversen Fachkliniken, Spezialisten, gut ausgebildeten, studiertem Krankenpflegepersonal und Ärzten, dazu Universität und Anlaufpunkt für zahlreiche Patienten aus dem ganzen Land.

Das Krankenhaus hat ein „Drei-Klassen-System“ – davon ist die dritte Klasse kostenlos. Abgemacht war mit der dortigen Pflegedienstleitung, dass ich jede Woche in einer anderen Kinderfachabteilung arbeiten sollte, um einen möglichst großen Einblick zu bekommen. Unter den vielen Fachrichtungen und Abteilungen waren für mich eine Woche auf der Neonatologie, eine Woche auf der Kinderintensivstation, eine Woche auf einer großen Peripherstation und eine Woche in der Poliklinik vorgesehen.

In dem riesigen und verwinkelten Krankenhaus zurecht zu kommen, war schon Herausforderung genug: viele lange Gänge, riesige, überfüllte Wartebereiche, zehn verschiedene Kantinen, zahlreiche, ineinander übergehende Gebäudeflügel und Stationen, Gedränge in der Notaufnahme, überall wo man hinsieht Patienten und Angehörige – schlafend, essend, redend, betend, mich neugierig musternd und dazu noch drückendes, feuchtes Klima oder auf 16 Grad heruntergekühlte, klimatisierte, trockene Innenräume. Das und ein sehr herzliches Empfangskomitee aus Krankenschwestern erwartete mich an meinem ersten Tag. In meiner mitgebrachten Dienstkleidung aus Berlin ging es los, als erstes sollte ich auf der Neonatologie arbeiten.


Die erste Woche war für mich auch gleich die eindrucksvollste. Neunzig Betten umfasst die Perinatologie im RSCM, eingeteilt in verschiedene Bereiche nach Neo-Leveln. In den Räumen liegen zwischen neun und zwanzig Neugeborene in Betten oder Inkubatoren, mit allen erdenklichen Erkrankungen oder angeborenen Fehlbildungen. Da das Krankenhaus einen großen Kreißsaal hat, konnte ich sehr viele Krankheitsbilder kennenlernen, die ich so nicht gesehen habe auf unserer Neonatologie in den DRK Kliniken Berlin | Westend: Ich konnte Kinder mit angeborenen Fehlbildungen, schwere Herzfehlern, Notfällen wie Hydrops Fetalis oder NEC, Hydrocephalus, Spina bifida, Trisomie 13 und 18, Mund-Kiefer-Gaumenspalte, Analatresie, Ösophagus Atresie oder Omphalozele betreuen, mit Siamesischen Zwillingen oder auch Frühgeborenen ab der 23. Schwangerschaftswoche arbeiten. Noch nie habe ich so viele schwer ausgeprägte Krankheitsbilder bei Neugeborenen gesehen. Trotzdem war ich sehr überrascht, wie gut ausgebildet und qualifiziert die Pflegerinnen und Pfleger in Jakarta gearbeitet haben. Die Pflegekräfte dort waren Meister der Improvisation, da Wissen zwar vorhanden war, aber die finanziellen Mittel zur Umsetzung fehlten, wurden fleißig Beatmungssysteme desinfiziert und wiederverwendet, mitgebrachtes Kokosnussöl von Eltern kurzfristig auf der ganzen Station verteilt und für alle Säuglinge zur Hautpflege verwendet oder mit Punktionsnadeln Infusionssysteme entlüftet. Da viele Dinge wie Reinigung, Zubereitung der Nahrung und Richten der Medikamente von anderen Berufsgruppen erledigt wurden, konnten sich die Pflegekräfte sehr gut auf die spezielle Pflege ihrer kleinen Patienten konzentrieren und hatten auch deutlich mehr Zeit. Auch ich durfte pro Schicht einen kleinen Patienten versorgen, mit den Familien sprechen und anleiten.

Besonders beeindruckt hat mich die Fröhlichkeit und Arbeitsmotivation der Schwestern – jeden Morgen wiederholten alle fröhlich nach einem gemeinsamen Gebet bei der Übergabe den Leitspruch des Krankenhauses: „Menolong, memberikan yang terbaik!“ was soviel bedeutet wie: „Im Helfen und Geben sind wir die besten“. Auch die Motivation und Hingabe der Angehörigen hat mich sehr beeindruckt, wie selbstverständlich alle Kinder versorgt wurden.


Meine zweite Woche verbrachte ich auf der Kinderintensivstation, auch wieder mit diversen, mir bisher nur aus Lehrbüchern bekannten Krankheitsbildern. Die Krankenschwestern und Ärzte waren sehr offen und geduldig und sie erklärten mir langsam alle Abläufe und die Pflege von den kleinen Patienten, so dass ich auch hier zum Glück wieder mitarbeiten konnte. Hier habe ich bei meiner ersten Reanimation mitgeholfen, der kleine Patient hat es zum Glück geschafft – ich habe ihn später auf der Peripherstation wiedergetroffen. Auch hier arbeiteten die Schwestern sehr professionell und waren trotzdem für jeden Spaß zu haben, haben viele Fotos mit mir gemacht, immer gemeinsam ein riesiges indonesisches Mittagessen gegessen oder mit den Ärzten gelacht. Und obwohl die meisten kleinen Patienten in ihrem Bewusstsein stark eingeschränkt waren, beatmet wurden und schwer erkrankt waren, haben sowohl Eltern als auch Pflegepersonal immer liebevoll mit den Kindern gesprochen.

Meine dritte Woche habe ich auf der Peripherstation verbracht – „endlich eine Station die ich von den Abläufen und Krankheitsbildern schon kenne!“ dachte ich. Falsch gedacht, die Station hatte wieder vielseitige Krankheitsbilder und war mit über sechzig Patienten und etwa zwanzig Schwestern in jedem Dienst viel größer. Es gab spezielle Räume für Kinder mit Chemotherapie und diversen onkologischen Erkrankungen aber auch Krankheitsbilder wie Tuberkulose, Diphterie oder Tollwut habe ich hier kennengelernt. Da in Indonesien Impfungen extrem teuer sind und viele Familien in ärmlichen Verhältnissen in ländlichen Gegenden leben, sind auch diese Krankheiten immer noch ein großes Problem.

Sobald ein Patient aufgenommen wurde, fanden sich in der Kurve diverse Blätter zur Elternaufklärung, Hygieneschulung, Screenings zur Ernährung, Hautstatus und vielem mehr und jedes Kind hat standardisiert ein Ernährungsscreening von studierten Ernährungswissenschaftlern bekommen, da es nicht ausreicht, nur die Krankheit mit der die Patienten kommen zu behandeln, sondern die gesamte Familie und Gesundheit. Diese Station war immer sehr laut, warm und trubelig – aber auch unglaublich fröhlich und herzlich. Kein Wunder, wenn sechs Patienten in einem Zimmer mit ausgefallener Klimaanlage, ohne Fernseher oder vernünftigem Badezimmer schlafen, die Mütter daneben auf dem Boden übernachten – das schweißt zusammen. Kein Elternteil hat sich hier jemals beschwert, alle waren unglaublich dankbar und offen. Da diese Station zur „dritten Klasse“ gehörte und auch hier finanzielle Mittel fehlen mussten sich die Mütter selber Essen holen, winzige Bäder ohne Duschen teilen, Medikamente selber bezahlen und abholen, abgenommenes Blut selber zum Labor bringen und Thermometer kaufen. Auch die Pflegekräfte mussten ihre Arbeitskleidung selber kaufen und waschen, hatten eigene kleine mobile Pulsoxymeter und Blutdruckmessgeräte dabei und das monatliche Gehalt lag weit unter meinem Ausbildungsgehalt.

Neben den Visitenzeiten und Pflegerundgängen haben die Eltern hier miteinander selbstgekochtes Essen gegessen (oft stand ein riesiger mitgebrachter Reiskocher irgendwo im Zimmer), auf die Kinder der Nebenbetten gemeinsam aufgepasst, die Kinder massiert, abgelenkt, getröstet oder Lebensratschläge verteilt. Ich habe selten so viele traurige Biografien und Schicksale erfahren und gleichzeitig so viel Geduld und Freude erlebt.

Die letzte Woche verbrachte ich in der „KIARA“ Poliklinik – einem riesigen brandneuen Gebäude das vom Disney-Konzern gesponsert wurde. Demnächst sollen alle Kinderstationen hierhin umziehen, was auch dringend nötig ist. Die Poliklinik ist erster Anlaufpunkt für viele Familien aus Jakarta und Umland. Jeden Tag wurde das Gebäude um Punkt 8 Uhr überlaufen von Familien, Wartezeiten bis zu acht Stunden wurden natürlich ohne Murren toleriert. Hier gab es jeden erdenklichen Spezialisten, von Kinderkardiologen bis hin zum Kinderneurologen und moderne Diagnostik für jeden. Auch Impfungen wurden durchgeführt, es gibt einen Raum nur für Chemotherapien, Lumbalpunktionen, Knochenmarkspunktionen und in der Wartezeit für alle Eltern kostenlose (und dringend erforderliche) Elternschulungen von Krankenpflegepersonal zu Themen wie: gesunde Ernährung, Bewegung, Erziehung, Zahnpflege und vielem mehr.

Meine vier Wochen in Jakarta waren so voll mit neuen Eindrücken, Geschichten von Patienten und Pflegekräften, Fotos mit Familien und Personal machen, Essen probieren, viel neuem medizinischem Wissen, neue Erfahrungen mit mir bisher fast unbekannten tropischen oder stark fortgeschrittenen, schweren Krankheitsbildern und inspirierender Arbeitsmotivation, Fröhlichkeit und Freundlichkeit von allen Seiten. Nie werde ich das Gefühl vergessen, auf jeder Station so herzlich willkommen zu sein und so offen und freundlich behandelt zu werden. Ich habe sehr viel Respekt vor der Arbeit der Pflegekräfte in Jakarta und könnte mir sehr gut vorstellen nach dem Examen nochmal hier her zurück zu kommen.

Anne Bernhold
Kurs „Okt. 2015-2018 MRc“