Auslandspraktikum Kapstadt/Südafrika - biz BildungszentrumAuslandspraktikum Kapstadt/Südafrika - biz Bildungszentrum

Auslandspraktikum
Kapstadt/Südafrika

kapstadt1

„Nachdem Julia und ich den Bescheid der DRK-Schwesternschaft Berlin für unser Auslandspraktikum fast ein Jahr vor der Abreise erhalten hatten, so kam der Tag unseres Abflugs doch überraschend schnell. Am 3. Februar landeten wir nach fast 17 Stunden Flug abends in Kapstadt. Gleich wurden wir zu unseren Gastfamilien gebracht, wo wir in den nächsten vier Wochen die aufregendste Zeit unseres Lebens verbringen sollten.

Am folgenden Tag gab es einen Einführungsworkshop mit allen „Do’s und Don’ts“ für unser Projekt, über Kapstadt im Allgemeinen und eine Sightseeing-Tour durch die Stadt: Wir konnten damit ein erstes Gefühl für unser neues Zuhause bekommen. Der erste Arbeitstag war für den nächsten Tag angesetzt, die Aufregung wuchs von Stunde zu Stunde. Uns wurde gesagt, wir wären in einer Tagesklinik eingesetzt, somit war schon mal klar, dass wir keine Spätdienste haben würden. Aber wie sollte so eine Schicht in einem afrikanischen Krankenhaus aussehen? Nicht wie in Deutschland, so viel stand fest.

Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zum Krankenhaus – allein der Arbeitsweg war schon ein Abenteuer: Man steht an der Hauptstraße und wartet auf einen der vielen Minibusse. Einen Fahrplan gibt es natürlich nicht, aber da gefühlt alle zwei Minuten einer dieser Busse vorbeikommt, ist das auch kein Problem. Ausgelegt sind die Minibusse für 15 Personen, zu den Stoßzeiten sitzen da jedoch zwanzig Menschen und mehr eingezwängt. Gefahren wird mit halsbrecherischem Tempo, jede Regelung der StVo über den Haufen werfend über die Autobahn. Immer begleitet von laut scheppernder Technomusik. Das alleine hätte nach an Aufregung gereicht, aber ich war ja nicht zum Spaß in Kapstadt, jedenfalls nicht nur.

Nach rund vierzig Minuten Autofahrt kam ich dann – zum Glück unbeschadet – im Krankenhaus an: und wurde am Eingang nach Waffen durchsucht. Das sei hier Alltag, meinte einer der Security-Männer, man sei hier schließlich in einem der gefährlichsten Townships Kapstadts. Meines Mutes nicht beraubt, machte ich mich mit meiner Kollegin auf in die dortige Rettungsstelle: das interessanteste Arbeitsgebiet laut Julias Gastbruder. Dort bekamen wir zuerst einen Hausrundgang von einem der anderen Praktikanten und damit auch die ersten erschreckenden Eindrücke: Patienten bekommen zwar einen Termin, um den Arzt zu sehen – die werden jedoch selten eingehalten. Und so warten gefühlt fünfhundert Patienten vor den zwei Arztzimmern, teilweise den ganzen Tag, nur um dann am Ende des Tages zu erfahren, dass der Arzt heute keine Zeit mehr habe.

Nach fast einer Woche fragte ich meine südafrikanischen Kollegen, wieso die Leute sich das antun und nicht einfach in ein anderes Krankenhaus gehen? Angeblich sei Kapstadt doch für seine guten Krankenhäuser auf westlichem Standard bekannt. Die Antwort war traurig und einleuchtend zugleich: Die bekannten Krankenhäuser – das sind private Kliniken. Das Gesundheitssystem in Südafrika ist ähnlich dem der USA, jeder hat die freie Wahl der Krankenversicherung. Da der Großteil der Bevölkerung jedoch in Wellblechhütten lebt und jeden Tag darum bangen muss, genug zu essen für sich und die Familie zu bekommen, haben die wenigsten die finanziellen Mittel für eine Krankenversicherung. Daher gibt es staatliche Kliniken, in denen man zwar nichts bezahlen, dafür aber bis zu drei Tagen auf einen Arzt warten muss und die privaten Häuser, die auf westlichem Standard sind. Der Rundgang ging weiter zum so genannten „Dressing Room“, dem Raum in dem ausschließlich Verbände gemacht werden, der Wöchnerinnenstation in der rund dreihundert Kinder pro Monat das Licht der Welt erblicken, und der Zahnarztklinik, wo 11-Jährige Kinder das erste Mal eine Zahnbürste in der Hand halten. Die meiste Zeit unseres Praktikums verbrachten wir in der Rettungsstelle und dem „Dressing Room“. Während Julia und ich im Verbandszimmer arbeiteten, sahen wir unglaublich viele Ulzera, Hauttransplantationen, Verbrennungen und Stichwunden. Eine der Patienten gab an, ihre Wunde käme von einem Fluch, den ihr jemand auferlegt hatte. Wir waren sprachlos, aber dank den uns beigebrachten Kommunikationsmodellen wussten wir damit umzugehen.

In der Rettungsstelle sahen wir viele Stichwunden, Frauen die von ihren Ex-Freunden angegriffen, und Männer, die von ihren Frauen attackiert wurden, Schusswunden und Opfer von Fahrerflucht. Und obwohl ich durch meine Arbeit in einem Krankenhaus in Berlin-Wedding ziemlich abgehärtet war, bedeutete dies absolutes Neuland für mich. Schockiert hat mich die immer gleiche, ja fast schon einstudierte Antwort auf die Frage, ob man denn eine Anzeige erstatten möchte: „Nein, ich kümmer’ mich selbst darum.“ Zu der Zeit, in der Julia und ich im Mitchells Plain Hospital arbeiteten ereignete sich ein Fall, bei dem ein junger Mann auf der Straße niedergestochen wurde und in unsere Notaufnahme gebracht wurde. Notdürftig versorgt, lag der Mann auf einer Trage, als ein zweiter Mann hinein kam, sich als einer seiner Angehörigen ausgab und den Verwundeten erstach. Es stellte sich heraus: Es war der gleiche Mann, der ihn auf der Straße niedergestochen hatte.

Während unserer Zeit in dem Krankenhaus hatten wir einen guten Einblick in den Stationsalltag des Krankenhauses. Wenn ich schon in Deutschland den Eindruck habe, wir hätten zu wenig Pflegepersonal, so war das nichts – verglichen mit südafrikanischen Standards. Eine Pflegekraft musste sich pro Tag um dreißig bis vierzig Patienten kümmern; auch wenn das schwer zu vergleichen ist, da wir in einer Tagesklinik waren, es also keine stationären Aufenthalte gab. Bei diesem Pensum scheint es fast offensichtlich, dass die Hygiene zur Nebensache wird. Sterilgut wurde zwar desinfiziert, danach jedoch in einen Eimer geworfen, in dem Pflegekräfte auch mal mit bloßen Händen herumwühlten, um das passende Werkzeug zu finden. Zum Nähen von Wunden wurden sich zwar Handschuhe angezogen, aber auch die haben nur eine begrenzte Wirkung, wenn man damit eine Wunde zusammen drückt, da es keine sterilen Handschuhe waren.

Als dann nach zwei Wochen endlich Desinfektionsmittelspender eingebaut wurden, waren wir froh und dachten, jetzt würden wir endlich sehen, wie sich jemand die Hände desinfiziert: Wir Praktikanten waren aber die einzigen, die sie nutzten.
Auch wenn in diesem Krankenhaus so viel Gewalt, Trauer, Schmerz und Tod allgegenwärtig sind: Ich werde nie vergessen, wie freundlich, humorvoll und aufgeschlossen die Pfleger und Schwestern während ihrer täglichen Zwölf-Stunden-Schicht waren. Weibliche Patienten wurden immer mir „Mamma“ oder „Sister“ und die Männer immer mit „Papa“ oder „Brother“ angeredet und obwohl die Patienten oft große Schmerzen und erhebliches Leid mit sich trugen, haben die Schwestern es immer wieder geschafft, die Patienten zum Lachen zu bringen.“

Ein Bericht von Julia Vogel und Phil Schrobsdorff, Kurs “April 2013/2016“